Zwätzen unter den "Fruchtbringern" im 17. Jahrhundert (VII) - Kulturlandschaft Zwätzen e.V.

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Zwätzen unter den "Fruchtbringern" im 17. Jahrhundert (VII)

Historisches

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Anfang Januar 1630, rund zwölf Jahre nach dem berühmten "Fenstersturz zu Prag", der zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges führte, geschah es nicht nicht zum ersten Mal, daß sich der Jenaer Historiker und Staatsrechtler Friedrich Hortleder (1579-1640) mit den komplizierten politisch-rechtlichen Verhältnissen der Ballei Thüringen zu befassen und einen Rechtsakt zu statuieren hatte. Von einem seiner einstigen Zöglinge, dem ernestinischen Herzog Albrecht von Sachsen-Weimar (1599-1644), dem jetzigen Senior des Hauses, war er wieder einmal um seinen bewährten Rat befragt worden. Er sollte ihm für den Landgrafen Georg von Hessen-Darmstadt in seinen Verhandlungen mit dem Landkomtur des Hauses zu Marburg eine Auskunft in dort strittigen Ordensangelegenheiten erteilen. In einem Antwortschreiben vom Anfang Januar 1630 ging Hortleder, der bekannte Verfasser der "Ursachen des deutschen Krieges", einleitend auf ein hundert Jahre zurückliegendes Ereignis, die Ausbreitung der von den "Hochlöblichen Voreltern" mit inspirierten "Lutherischen Lehre" und die Gründung des Schmalkadischen Bundes ein. Danach erklärte der ehemalige Präzeptor Albrechts und seiner Brüder seine Bereitschaft, sich seines empfangenen Auftrages an Ort und Stelle zu entledigen, zumal er ohnehin in den nächsten zwei bis drei Wochen in Jena präsent sein werde.

Porträt Hortleders aus Prüschenks Aufl. v. 1645

Bei dieser Gelegenheit beabsichtige er gemeines archivum uf dem Teutschen Comthur Hause Zwätzen [...] nach aller notdurft zue besichtigen und information von gemelter Baley einzunehmen. Auf diese Weise werde es ihm wohl anhand der Aktenlage gelingen, des Proiects in der Teutschmeisterischen sach mich zu praepariren und ein Versuch zu thun, wie etwa dadurch die Götliche güt, vor mittel bescheren wolle, E. F. G. in etwa ersprießliche dienst zuleistung und dero so gnedigen expectation, zurespondiren.- Konkretere Einsichten erhoffte sich der Leiter des ernestinischen Archivs und der Kunstkammer zu Weimar seit 1616 also von den Quellen vor Ort in dem in Jena benachbarten Ballei-Gewölbekeller in Zwätzen. Mit dem Haus zu Zwätzen war Hortleder übrigens schon seit einiger Zeit existentiell verbunden, bezog er doch von dort nach der Maßgabe des "Brüderlichen Vertrages" der Ernestiner zu Ascherleben vom Februar 1621 einen Teil seines jährlichen Getreidedeputats.


In das Amt des Statthalters des Ordens war Herzog Albrecht Ende 1627 mit weiteren "Fruchtbringern" im Gefolge auf dem Deutschen Haus zu Zwätzen installiert worden. Er folgte darin seinem älteren im Jahr zuvor an den Kriegsfolgen verstorbenen Bruder Herzog Johann Ernst d. J., in dieser Funktion, was bedeutete, daß die Balleidörfer faktisch von 1597 bis 1640 in das weimarische und von 1640 bis 1644 in das eisenachische Territorium integriert wurden. Im Zusammenhang mit der testamentarischen Vollstreckung nach dem Tode von Kurfürst Johann Georg II. wurde danach einem seiner Söhne, Herzog Moritz, das Stift Naumburg-Zeitz zugewiesen. Für letzteren hatte sein Vater zusätzlich die Statthalterschaft der Ballei Thüringen des Deutschen Ordens erworben, nachdem Herzog Albrecht von Sachsen-Weimar gestorben war. Diese umfaßte die Kommenden Zwätzen, Lehesten, Liebstedt und Nägelstedt mit dazugehörigen Dörfern. Die drei Genannten waren auch einflußreiche Mitglieder der 1617 in Weimar gegründeten "Fruchtbringenden Gesellschaft". In der Forschungsliteratur über die thüringischen Kleinstaaten als einem lange umstrittenen Phänomen der deutschen Geschichte wird jener Sozietät ein besonderer Platz eingeräumt bzw. zuerkannt, daß sie dauerhaft in die Annalen der deutschen Literatur und Sprache eingegangen ist.

Imprese Hortleders, "Der Einrichtende"

Klaus Garber will im Palmenorden neben der Freimaurerbewegung sogar "die umfassendste nationale kulturpolitische Initiative auf deutschem Boden im Alten Reich" erkennen. In diesem Zusammenhang wird auch die Tatsache hervorgehoben, daß die ernestinischen und anhaltinischen Höfe, vornehmlich die zu Weimar und Köthen, speziell am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges zwei faszinierende und weit über die genannten Kleinstaaten hinausweisende Unternehmungen verbunden habe. An erster Stelle wird genannt die 1617 begründete Gesellschaft der "Fruchtbringer", dem späteren "Palmenorden zur Erhaltung deutscher Treue und Verbesserung der vaterländischen Sprache", die früheste und wichtigste der deutschen Sprachgesellschaften, mit Sitz in Weimar, dann in Köthen, wo ihr Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen als Oberhaupt vorstand. Als ein weiteres Faszinosum wird erkannt, daß 1618 der Didaktiker Wolfgang Ratke, Ratichius, von Weimar nach Köthen berufen worden ist, um ein von Fürst Ludwig und von dessen weimarischen Neffen Herzog Johann Ernst d. J. geplantes, auf Ratkes neue Lehrart eingeschworenes Schulreformwerk in Angriff zu nehmen. Beide signifikante "Unternehmungen" sind mit dem Namen der klugen und weitblickenden Gemahlin Herzog Johanns von Sachsen-Weimar, Herzogin Dorothea Marie (1574-1617), dem Mittelpunkt des Weimarer Hofes aus dem reformierten Hause Anhalt eng verbunden. Im Juli 1623 weilte Ratke zu Unterredungen mit Mitgliedern der Gesellschaft und Jenaer Professoren über sein epochemachendes Lehrkonzept im alten Balleisitz Zwätzen. Dem vehementen Einsatz Dorothea Marias im Jahre 1617 war es auch zu verdanken gewesen, daß die Statthalterfunktion der Ballei Thüringen für ihren ältesten Sohn Johann Ernst bis zu seinem Tode 1626 gewahrt blieb und später an seinen Bruder Albrecht, der von Zeit zu Zeit in Zwätzen residierte, übergehen konnte.


 
 

Impresen (Johann Ernst d. J., Albrecht, Moritz)

 
 
 
 

Miniatur Dorothea Maria

 

© 2007, Dr. Thomas Pester

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