"Einmal Zwätzen bitte!" von Frank Quilitzsch - Kulturlandschaft Zwätzen e.V.

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"Einmal Zwätzen bitte!" von Frank Quilitzsch

Archiv > Geschichten

zu lesen im Zwätzner Almanach auf S. 107  
die Bestellung des Zwätzner Almanach ist unter dem Menüpunkt -Schriftenreihe- zu finden

   Bild aus Archiv A. Jahn

Kommunismus bedeutet Sowjetmacht plus Elektrifizierung. So jedenfalls hatten wir es in der Schule gelernt. Leider stand die Formel im Widerspruch zu den Verhältnissen, die in der DDR schwieriger waren, als die Theorie erlaubte. Wir waren elektrifiziert, wir fuhren O-Bus und Straßenbahn, und wir hatten seit 1963 die Zahlbox - das war zwar noch nicht das Paradies, aber schon ein handliches Stück davon. Der Fahrpreis wurde subventioniert, eine Einzelfahrt mit dem Bus oder Bahn kostet zwölf bis zwanzig Pfennige. Vielleicht hätten wir nur immer unseren Obolus entrichten müssen, und Lenins Lehre wäre über kurz oder lang wahr geworden. Doch als Studenten waren wir knapp  bei Kasse. Wir gaben unser, ebenfalls vom Staat bezogenes Stipendium für die  drei großen >>B<< - Bockwurst, Bier und Bücher - aus, da reichte es nicht immer für die Straßenbahn. Die Zahlbox, die gut sichtbar in jedem Wagenteil angebracht war, sollte uns vor der schiefen Bahn bewahren.

Es handelte sich um eine Kasse des Vertrauens. In anderer Form gab es diese auch vor öffentlichen Zeitungsständern. Die Zahlbox in der Bahn hieß OS - >>Ohne Schaffner<< - und war nicht nur eine Vorrichtung, an der man selbstständig seinen Fahrschein zog, sondern gleichzeitig ein pädagogisches System. >>Ich bezahlte, du bezahlst ... und er? - Fahrgäste, achtet auf ordnungsgemäßen Fahrgeldeinwurf!<< forderte ein Schild über der Zahlbox, das den Schwarzfahrer als kleines schwarzes Männlein mit Hut entlarvte.
Hatte man den Sammelkartenabschnitt oder die Münzen eingeworfen, lagen diese hinter einer Plexiglasscheibe wie auf dem Präsentierteller und wurden durch Hebeldruck nur jeweils ein Kästchen weiter gefördert, ehe sie im Bauch der Box verschwanden. So konnten alle Insassen sehen, ob der Zugestiegene es ehrlich meinte. Wer beim schwarzfahren erwischt wurde, musste zur Strafe fünf Mark Nachlösegebühr zahlen. In aller Öffentlichkeit den Sozialismus zu betrügen, war ein Sakrileg, und doch konnten wir es nicht lassen. Wir hatten Gorki, Arkadi Gaidar und Eduard Claudius gelesen und waren trotzdem noch keine besseren Menschen geworden. Gegen Mitternacht stolperten wir aus dem Studentenklub und bestiegen lärmend die Straßenbahn. Die Fahrgäste warfen uns strenger Blicke zu. Was tun? Wir hatten unser ganzes Kleingeld versoffen. Regine opferte den obersten Knopf ihrer Bluse, ich warf zwei Kronenkorken dazu; man hörte es in der Box klimpern: rasch zogen wir den Hebel mehrmals hintereinander, bis nichts mehr zu sehen war, und hielten den Fahrscheinstreifen hoch. Auch Spielgeld, Abzeichen, Schrauben, Bonbons und kleine Kieselsteine boten sich als Futter für die Zahlbox an. Wir waren keine jungakademische Schwarzfahrerbande und fühlten uns auch nicht als Saboteure, wir verteilten nur das Volksvermögen ein bisschen um. Was wir den Staat vorenthielten, überwiesen wir in vielfacher Höhe auf das internationale Solidaritätskonto. So unterstützten wir mit unseren Straßenbahnfahrten das Volk von Chile und Nikaragua. An der Universität studierten Sandinisten, die mit der Waffe in der Hand das Somoza-Regime gestürzt hatten. Einmal, nach einer gemeinsamen Feier, haben wir uns auf der Heimfahrt einen Scherz erlaubt. Carlos aus Managua war im Kampf verwundet worden und hatte nach dem Sieg als Lehrer an der Alphabetisierungskampagne teilgenommen, war aber noch nie in seinem Leben mit einer Straßenbahn gefahren. Ratlos stand er vor der Zahlbox. Du musst zwanzig Pfennige einwerfen und laut den Namen der Haltestelle nennen, an der du aussteigen willst, erklärten wir ihm. Carlos warf zögernd das Geld ein und rief leise: Studentenwohnheim Zwätzen! Und als sich nichts rührte, wiederholte er mit kraftvoller Stimme: Einmal Zwätzen, bitte! Wir haben unseren neuen Freund bis ins Wohnheim begleidet und ihn dort im Studentenklub zu einem Solidaritätsbier eingeladen.


Text: Frank Quilitzsch

 
 
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